Wie man zum Engel wird (Verfasser unbekannt)

„Mein Name ist Ingeborg Semmelmann und ich bin ehrenamtlich in der Birkenbücherei tätig. Ich erzähle jetzt die Geschichte, wie man ein Engel wird: 

Wie man zum Engel wird
Wie jedes Jahr sollte auch diesmal die sechste Klasse das weihnachtliche Krippenspiel aufführen.  Lehrer Larssen verteilte alle Rollen, nur für die des engherzigen Wirtes, war niemand mehr übrig.  Thomas, welcher den Joseph spielte, schlug seinen kleinen Bruder Tim für diese unbedeutende Rolle vor. Lehrer Larssen stimmte zu. Und so erschien Tim zur nächsten Probe. Er bekam eine blaue Mütze und eine Latzhose. Die Herberge selbst war, wie alle anderen Kulissen, noch nicht fertig. So fiel es ihm leicht zu sagen, er habe kein Zimmer frei. Wenige Tage später wurde Tim krank und gerade rechtzeitig zur Aufführung wieder da. Auf der Bühne blieb er überwältigt vor der Attrappe der Herberge stehen. Und Thomas zeigte ihm, wie er das Fenster auf ein Klopfzeichen von Joseph öffnen sollte. Die Vorstellung begann. Joseph und  Maria wanderten schleppenden Schrittes zur Herberge und klopften. „Habt Ihr ein Zimmer frei?“, fragte Joseph mit müder Stimme. „Ja, gerne“, antwortete Tim freundlich. Schweigen im Saal und erst recht auf der Bühne. „Ich glaube, Sie lügen“, entrang sich schließlich Joseph. Die Stimme war ein unüberhörbares „Nein“. Da nahm Joseph Maria an die Hand und wanderte ungeachtet des Angebotes zum Stall. Hinter der Bühne erklärte Tim Lehrer Larssen, dass Joseph eine so traurige Stimme gehabt hätte, da hätte er nicht nein sagen können. Lehrer Larssen zeigte Verständnis. Aber dies sei doch eine Geschichte und die müsse man genauso spielen, erklärte er. Tim versprach bei der nächsten Aufführung ein böser Wirt zu sein. Unter ärgsten Androhungen hatte Thomas seinem kleinen Bruder eingebläut, mit einem klaren ‚Nein‘ zu antworten.  Dann ging der Vorhang auf. Das heilige Paar erschien und wanderte – wie es aussah, etwas zögerlich – auf die Herberge zu. Joseph klopfte, aber alles blieb still. Schließlich rief Joseph: „Hier ist wohl kein Zimmer frei?“ In die schweigende Stille ertönte ein leises, aber deutliches „Doch“. Für die dritte und letzte Aufführung  wurde Tim seiner Rolle als böser Wirt enthoben. Er bekam Stoffflügel und wurde zu den Engeln im Stall versetzt. Sein ‚Halleluja‘ war unüberhörbar, und es bestand kein Zweifel, dass er endlich am richtigen Platz war.“

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