Geschichten und Gschichtla aus der Heimat

Eishockey

Eishockey

Hilmar Sommermann

„Es Eis aufm Wehr hält! Mir kenna Hockie spelln“ Ein Junge brachte die Nachricht eines Morgens mit zur Schule. „Ejich hous gestern probiert“ sagte er noch. Er wohnte in der Nähe des Stauwehres.

Früher, als es noch richtig kalte Winter im Frankenwald gab, war die Selbitz manchmal schon im Dezember mit einer dicken Eisschicht bedeckt. Die Selbitz ist ein kleiner Fluss, der bei Helmbrechts entspringt, über Naila weiter das Höllental durchfließt und beim thüringischen Blankenstein in die Saale mündet. Sie fließt auch durch unser Dorf und betreibt hier die Modelsmühle. Das zugefrorene Stauwehr war unser Spielfeld. Dort traf sich die Schuljugend.

Wer seine Schlittschuhe sauber und trocken aufgehoben hatte, tat sich leicht. Wer nicht, musste Rost entfernen, Gewinde ölen, Schlüssel suchen. Wer keine Schlittschuhe hatte, spielte ohne oder machte den Tormann. Das Tor wurde einfach mit zwei Jacken markiert. Der Puck war eine abgesägte Astscheibe, die Schläger machten wir aus passenden Ästen von den Erlen, die am Ufer wuchsen. Die Spielregeln waren einfach: Jeder spielt gegen jeden, versucht ein Tor zu schießen. Wir waren ja nur wenige. Solange es ging, trafen wir uns dort jeden Tag. Hatte es geschneit, machte ein „Schnieschorer“ das Feld wieder bespielbar. Oder wir gingen am Hejigels Ranga „Schlejiten fohrn“.

Ach ja, die Schlittschuhe! Abgefahrene, schwere Eisendinger waren das. Kein Hohlschliff mehr, keine Kante. Da gab es Stürze und Prellungen. Mindestens einmal, erinnere ich mich, löste sich bei einem der Buben nicht nur der Schlittschuh, sondern auch die Schuhsohle! Das war eine Katastrophe damals. Die Reaktion seiner Mutter will ich lieber nicht beschreiben. Um neue Schuhe kaufen zu können, brauchte sie einen Bezugsschein. Den kriegte sie nur, wenn sie nachweisen konnte, dass die alten nicht mehr reparabel oder zu klein geworden waren. Und es war ein Glücksfall, wenn es überhaupt passende Schuhe gab.

Eines Tages kurvte auf dem Eis eine junge Frau. Sie trug enge Keilhosen, ihre glitzernden Schlittschuhe waren fest mit der Schuhsohle verschraubt. Auf einem Bein stehend zog sie über unser Spielfeld, zog immer engere Kreise und drehte sich plötzlich rasend schnell wie ein Kreisel um sich selber. Wir staunten. So etwas hatten wir noch nie gesehen. Doch die Frau beachtete uns nicht. Ging wortlos vom Eis, wechselte ihre Schuhe, verschwand. Wir sahen sie nie mehr.

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