Geschichten und Gschichtla aus der Heimat

Mancher Leser wird sich fragen, was das für Geschichten sind, die die Buchhandlung im KirchenEck auf ihrer Website präsentiert. Die Anregung, Kindheitserlebnisse aufzuschreiben, geht zurück auf das Buch „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“ von Wilhelm v. Kügelgen, das ich als Jugendlicher gelesen hatte. Es stimmt, im Alter tauchen Erinnerungen aus Kindheit und Jugend auf. Ich erlebe das so, als würde ich in einem Fotoalbum blättern. Was ich erzähle ist tatsächlich passiert. Die wörtlichen Reden im Dialekt entsprechen zumindest inhaltlich der Wirklichkeit.

— Hilmar Sommermann

Niedrigwasser 30. Juli 2020 „Es Wasser werd kla, mir kenna wejider fischn!“ Der Schrei meines achtjährigen Bruders war nicht zu überhören, er hatte das sinkende Wasser der Selbitz bemerkt. Mit alten Schuhen an den Füssen stiegen wir in das nur wenige Zentimeter hohe Wasser. Am Ufer und an Steinen hatten sich kleine Tümpel gebildet. Dort versteckten sich die Fische,... Weiterlesen... Johannisfeuer 23. Juni 2020 „Ejich wisset scho en Platz dou kennt mers ejiberall sejing“ - „Wu denn, souch halt scho“. So tönte es in der Jugendgruppe, als einer die Frage stellte, ob denn heuer wieder ein Johannisfeuer geplant sei. Seinem Vorschlag wurde zugestimmt: Der südliche Berghang am Gailer. „Obber fei rechtzeitig omelden, warnte einer. „Eijch mach des scho“... Weiterlesen... Holz holen 27. Mai 2020 „Kommt, zieht eijere festen Schuh o, wir missen ins Holz“ Die Mutter ruft ihre drei Kinder. „Schickt eich, es kennt nuch renga!“ sagt sie noch und holt den Handwagen aus der Hütte. Bald stehen wir im Wald und sammeln herabgefallene kleine Äste. Der Waldboden war wie leergefegt. Klar, andere brauchten auch Brennmaterial. Das war 1945.... Weiterlesen... Klingensporn 8. Mai 2020 „In Klingasporn werds Lager aufgelöst, ma ko sich des Zeich dort einfach hulln!“ Die Kunde lief durchs Land. So liefen auch wir Kinder hin. Mit Handwagen, wie andere auch. Was es da alles gab! Stoffe, Socken, Mützen, Wäsche, Decken, Filzstiefel. Gerüchte gingen um: „Die Amerikaner kumma“. Ein Kübelwagen (ein schwimmfähiges deutsches Militärfahrzeug) sauste draußen... Weiterlesen... Der Vater 20. April 2020 1940 wurde er – 36jährig – Soldat. „Eirucken“ sagte man damals im Frankenwald. Einrücken zur Wehrmacht. Seine Einheit kam in den Norden des besetzten Norwegens auf einen Beobachtungsposten am Meer. Feindberührung hatten sie nicht. Als er einmal Urlaub hatte, brachte er Fotos mit. Auf einem sieht man, wie die Männer Felsbrocken beseitigen. „Daou hammr... Weiterlesen... Der Hauptlehrer 24. März 2020 Wir respektieren ihn, wir mochten ihn. Und wir trauten uns schon mal an einem sonnigen Tag an die Tafel zu schreiben: Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön, wir bitten Herrn Lehrer spazieren zu geh‘n. Er konnte draußen wunderbar erzählen, lehrte uns, die Natur zu verstehen, ermutigte uns, viel zu lesen. Manches erfuhren... Weiterlesen... Sonntagsschule 23. Februar 2020 Am Sonntagvormittag gingen wir drei Geschwister und einige Nachbarskinder regelmäßig zu einem Bauernhaus in der Nähe. Dort erwarteten uns die Töchter einer Bauerswitwe. Sie erzählten uns biblische Geschichten, sangen mit der Gitarre und wir lernten christliche Lieder. Zum Schluss bekamen wir ein Kärtchen mit einem Bibelspruch. Am nächsten Sonntag konnten wir ihn auswendig hersagen.... Weiterlesen... Eishockey Eishockey 20. Januar 2020 „Es Eis aufm Wehr hält! Mir kenna Hockie spelln“ Ein Junge brachte die Nachricht eines Morgens mit zur Schule. „Ejich hous gestern probiert“ sagte er noch. Er wohnte in der Nähe des Stauwehres. Früher, als es noch richtig kalte Winter im Frankenwald gab, war die Selbitz manchmal schon im Dezember mit einer dicken Eisschicht bedeckt.... Weiterlesen... Ski fohrn Ski fohrn 8. Januar 2020 „Frau Sommermann derfn mer mol in die Werkstatt, mir missten an unere Schiern noch wos machen. Daham ka Werkzeig dezou“. Die Mutter kannte die beiden. „Vo mir aus, obber passt auf, daß nex passiert“, sagte sie, sperrte das Tor auf und ließ sie an die Werkbank, nicht ohne sie nochmal zu warnen: Dass ihr... Weiterlesen... Vorfenster Die Vorfenster 2. Dezember 2019 „Vadder, ich denk, mir sollten die Vorfenster eisetzen, es werd kalt draußen“. Wenn die Mutter das sagte, wussten wir Kinder: Die Advents- und Weihnachtszeit naht. Die Vorfenster lagerten im Sommer in der Hütte und waren markiert. So sah der Vater, welches Fenster in welche Fensteröffnung gehört. Fenster mit Isolierglas kannte man damals nicht. Der... Weiterlesen... Hütejunge Der Hütejunge 4. November 2019 „Kumm rei, dou schnell essen, du mißt heit die Keji hejitn“. Das ist Frankenwalddialekt und bedeutet: Ich komme von der Schule heim, die Mutter hat schon das Essen bereitgestellt, dann soll ich die Kühe auf die Wiese bringen und hüten. Der Hütejunge erzählt. Das war im Herbst 1946 und ich war gerade mal 12. Ein... Weiterlesen... Nachtwanderung Die Nachtwanderung 21. Oktober 2019 Eine Nachtwanderung ist etwas Besonderes: „Wu gemmer denn heit hie?“ fragt die Ilse. „No, ich hou gedacht, mir genga mal ins Froschbachtal bis zur Quelle nauf“, schlägt der Heinz vor und zeigt seine Wanderkarte. Wir, das war eine Jugendgruppe aus einem Frankenwalddorf, die sich nach dem Gottesdienst vor der Kirche traf. Das war 1957.... Weiterlesen... D'r Wejichmacher D'r Wejichmacher 6. Oktober 2019 Der Wejichmacher. Fast täglich begegneten wir uns. Ich auf dem Fahrrad zur oder von der Arbeit, er mit seinem zweirädrigen Karren mit den Werkzeugen. Säge, Axt, Besen, Schaufel, Kotbrücke, Eimer, Sand, Splitt, Teer, konnte ich im Vorbeifahren erkennen. Die Landstraße zwischen Marxgrün und Naila war der Abschnitt, den er zu pflegen hatte. Bis zum... Weiterlesen...